Aus „Erlesen“ mit Heinz Sichrovsky. Erstausstrahlung 3.1.2012, ORF3

Plus ein Kommentar des Autors

 

Aufgrund einiger Reaktionen von Personen, die diesen Beitrag und insbesondere meine Einstellung zum Nationalsozialismus missverstanden haben – und aller Wahrscheinlichkeit nach auch das Buch „Der bessere Mensch“ nicht gelesen haben – möchte ich eins klarstellen:

Ich bin gegen jede Form von Faschismus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ich habe noch nie eine Bewegung, Partei oder Personen unterstützt, die faschistische, ausländerfeindliche, rechtsextreme u.ä. Ideologien vertreten.


Die einzige „Nähe“, die ich zum Nationalsozialismus je hatte, ist durch das Leben meiner Großeltern und anderer Verwandter dieser Generation bestimmt. Wie in so gut allen Familien zu dieser Zeit gab es Schwerverbrecher, Wegschauer, Mitläufer, einige wenige Widerständler und das ganze Spektrum an menschlichen Verhaltensweisen von herzlos und grausam bis ohnmächtig und anteilnehmend.

Meine beiden Großväter waren in der Wehrmacht. Der eine ist als einfacher Gefreiter 1945 in Frankreich gefallen, im Alter von 35 Jahren und als Vater von drei Kindern. Der andere war ebenfalls als Soldat an der Front, kam zu Kriegsende in ein russisches Gefangenenlager und kehrte lungenkrank und mit 34 Kilogramm heim.


Bis über seinen Tod hinaus waren dies – abgesehen von ein paar kurzen Anekdoten – die einzigen Informationen, die ich über das Leben meines Großvaters in Krieg und Gefangenschaft je bekommen habe. Er ist gestorben, bevor ich volljährig war, und viel wichtiger als seine Vergangenheit war für mich, dass er ein gutmütiger, hilfsbereiter und herzlicher Mensch war, für mich und meine Geschwister eine unersetzliche emotionale Bezugsperson und damit neben meinen Eltern auch mitverantwortlich, dass ich das Leben und die Menschen in ihrer Vielfalt mich zu achten und schätzen bemühe. Darüber hinaus kann ich mich an kein einziges böses Wort oder eine schlechte Tat von ihm erinnern. Deswegen habe ich ihn geliebt und deswegen halte ich ihn auch heute noch für einen guten Menschen, obwohl er als Soldat – aller Wahrscheinlichkeit nach – für den Tod zahlreicher anderer Soldaten verantwortlich war. Ich will und kann mir nicht anmaßen, ihn dafür zu verurteilen. Ich habe damals nicht gelebt, ich weiß nicht, was er gedacht hat, als er an die Front geschickt worden ist; ich weiß nicht, ob er auf diesen Schlachtfeldern überhaupt reflektieren konnte, was da passiert; ich weiß nicht, welche Traumata er seitdem getragen hat, ob er Albträume oder ein schlechtes Gewissen gehabt hat. Aus dieser Haltung heraus liebe und respektiere ich meine Großväter immer noch. Das hindert mich aber nicht, den Nationalsozialismus, die Geisteshaltung seiner damaligen und jetzigen Verfechter abzulehnen und gegen sie aufzustehen. Wer das nicht tut, hat kein Herz, keinen Verstand oder von beidem nichts.


Schlussendlich sei gesagt: Ich weiß zu wenig, und dafür habe ich unter Umständen zu viel gesagt. Wenn ich damit jemandem zu Nahe getreten bin oder gar jemandes Gefühle verletzt habe, war das nicht meine Absicht.