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EMPFEHLUNGEN
Bücher sind aufgrund ihrer Form auch für patscherte Menschen sehr leicht in Geschenkpapier zu hüllen. Neben dem nicht nur zur Weihnachtszeit sehr empfehlenswerten „Ohnmachtspiele“ deshalb ein paar weitere Tipps in Kurzausführung:
FÜR DIE SCHRÄGEN
Austrofred: „Ich rechne noch in Schilling“
Das Tagebuch des Champions: Österreichs größter Queen-Fan, Rock-Performer und selbsternannte Nr. 1 des Austropop kommentiert sein Tourleben, die Scheidungen von Fendrich & Ambros, die Schnitzelqualität im Speisewagen, die Eröffnung eines Gourmet-Spar mit Waterloo, das Kaiser-Bier-Selbstkühlfass und andere nur scheinbar unscheinbare Begebnisse. Original super!
Illbilly The KITT: „Didgeridoo zum Frühstück“
Kommentar der Mutter des Autors auf der Buchrückseite: „Was denkt sich der Junge bloß dabei?“ Das weiß der begnadete Saubartl Illbilly The KITT, der unter diesem Namen eine Kolumne für das Magazin GAP schreibt, vor dem ersten Satz wohl selbst nicht immer. Sein Markenzeichen ist das gedankliche Dahinmäandern, wobei er seine großartigen Assoziationen, Wortwitze und –schöpfungen wohl nur dann aus dem Ärmel schüttelt, wenn er gerade masturbiert. Pornografisch, schweinisch, aber auch sehr kunstvoll.
Max Goldt: „Gattin aus Holzabfällen“
Fotos, die aussehen, als hätte sie jemand vor 20 Jahren im Drogeriemarkt bei der Fotoentwicklung aussortiert; als hätte der Auslöser der umgehängten Kamera bei einem Spaziergang durch eine ostdeutsche Industriestadt einen Wackelkontakt; als würde man die Rückseite von aus Wochenmagazinen geschnittenen Gutscheinen betrachten. Da braucht es schon ein literarisches Kaliber wie Max Goldt, um aus solch Zerrbildern des Schreckens ein so albernes wie tiefsinniges Bilderbuch zu gestalten.
FÜR DIE KRIMINALEN
Thomas Pynchon: „Natürliche Mängel“
Endlich hat der einzigartige Thomas Pynchon sein enzyklopädisches Wissen, sein Sprachgenie, seinen Humor und Wahnwitz so eindestilliert, dass ein Buch herausgekommen ist, dass sich krampflos lesen lässt. „Natürliche Mängel“ ist so was wie ein psychodelischer Hippie-Krimi rund um den Privatdetektiv Doc, der sich mit Bautyconnen, Neonazis, Surfern und verrückten Polizisten herumschlägt und nebenbei so viel kifft, dass vom Grasabfall in seinem Auto – Zitat des Bullen Bigfoot – „eine mittelständische Familie ihr Leben lang high sein könnte“.
Patricia Highsmith: „Der Stümper“
Um ein weiteres Mal klar zu stellen, dass A. Christie so sehr die Queen of Crime ist wie H. Hinterseer der King of Rock, sei das gesamte Werk der großartigen Patricia Highsmith und insbesondere dieser Roman anempfohlen. Buchhändler Kimmel hat seine Frau umgebracht und sich mit einem stichfesten Alibi versorgt. Der Anwalt Stackhouse erfährt über die Medien von besagtem Mord, recherchiert weiter und überlegt, seine krankhaft eifersüchtige Gattin ebenfalls so los zu werden. Leider kommen ihm dabei ein obsessiver Polizist, die Kontrollmanie seiner Frau und der brutale Buchhändler in die Quere. Psychologisch fein ausgeleuchtet, perfekt konstruiert, geniales Ende.
John Hart: „Das letzte Kind“
Sehr feiner Page-Turner für die Ofenbank. Desolater Cop sucht neben aktuellen Verbrechern auch nach einem seit längerer Zeit verschollenem Mädchen. Auch dessen Bruder macht ihm zu schaffen, da der Knabe in indianischer Kriegsbemalung seine eigene Mörderjagd gestartet hat. In weiteren Rollen: ein zwielichtiger Schulfreund mit verkrüppeltem Arm, ein hünenhafter Schwarzer, der Frau und deren Geliebten gemeuchelt hat, ein kokssüchtiger und sehr böser Politikersohn und weitere einschlägige Südstaaten-Charaktere. Fein geschrieben, sehr spannend, inklusive Überraschungsende.
FÜR DIE ÄSTHETEN
Thomas Wolfe: „Schau heimwärts, Engel“
Ideal in verschneiten Hütten, wenn pro Tag Zeit für mindestens 50 Seiten am Stück ist. Erst dann gelingt es einem, dieses unglaubliche Epos über eine amerikanische Familie um die Jahrhundertwende zu fassen. Im Zentrum steht ein dem Alkohol zugeneigter Bildhauer, seine Wanderjahre, und seine Sesshaftwerdung im Mittelwesten, wo er mit einer geldgierigen Frau eine Großfamilie zeugt, die ebenso verloren ist wie die Eltern. Die einen sterben an Typhus und TBC, die einen treibt die Sehnsucht in die Welt und den ersten Weltkrieg, die anderen in von vornherein zum Scheitern verurteilte Ehen. Das kann man natürlich auch woanders lesen – aber Wolfes Schilderungen des Familienlebens, des westlichen Amerikas nach dem Bürgerkrieg und der Kleinstadt, in der die Familie lebt, ist wie ein 800-Seiten-Gedicht. Von einer unglaublichen Fabulierwut, voll mit Zitaten, obszön, so tragisch wie lustig, ein seltenes Vergnügen. Wem Franzens „Korrekturen“ gefallen, der lernt hier den Meister kennen. PS: Unbedingt die Neuübersetzung lesen, die ist um Klassen besser.
Matt Madden: „99 Ways to Tell a Story“
Die (sehr kurze) Geschichte dieses Buchs: Ein Mann arbeitet am Laptop, steht auf, um in die Küche zu gehen, seine Frau fragt ihn nach der Zeit, als er vorm Kühlschrank steht, hat er vergessen, was er eigentlich wollte. Diese kurze Sequenz zeigt Comic-Zeichner Matt Madden anfangs in acht Kadern und variiert sie dann auf eben 99 verschiedene Arten: aus verschiedenen Blickwinkeln, in verschiedenen Genres, Epochen, Kulturen … vom Manga über den Western bis zur wissenschaftlichen Testreihe. So wird aus einer banalen alltäglichen Begebenheit ein Stilexkurs und eine amüsante Philosophie der Wahrnehmung.
Raymond Carver: „Würdest du bitte endlich still sein, bitte“
John Updike meinte einmal: "Carver bringt die Dinge in ihrem Schweigen zum Sprechen." Man könnte auch vom Zwischen-den-Zeilen-Schreiben reden, doch das klänge beim Großmeister der Erzählung wohl zu banal. Carvers short storys ziehen den Leser ohne Einleitung mitten ins Geschehen – zumeist in alltägliche Situationen nordamerikanischer Durchschnittsmenschen. Diesen zieht Carver, ohne tatsächliche Katastrophen oder Gefahren heraufzubeschwören, den sicheren Boden unter den Füßen weg. Dem Arzt Arnold etwa, als sich eine fremde Frau verwählt und ihn in ihr Leben zieht. Einem Ehemann, der eine nebensächliche Bemerkungen zweier Restaurantgäste mit anhört und darob an seiner Frau zu zweifeln beginnt. Die große Kunst Carvers besteht darin, diese Dinge nie auszusprechen, sondern sie den Leser nur fühlen zu lassen; mit gewöhnlichen Worten Ungewöhnliches zu beschreiben.
FÜR DIE LESEFAULEN
Alex Robinson: „Unvergessene Zeiten“
Eine großartige grafic novel über einen Mann, der sich mittels Hypnosetherapie das Rauchen abgewöhnen will und sich plötzlich in seiner High-School-Zeit wiederfindet – allerdings mit dem Bewusstsein des Erwachsenen. Ein bekanntes Szenario, sehr feinfühlig und witzig aufbereitet. Ausführliche Rezension.
„Breaking Bad“: Die ersten beiden Staffeln auf DVD
Bryan Cranston – Vater Hal aus Malcolm mittendrin – gibt in dieser TV-Serie den überqualifizierten und frustrierten Chemielehrer Walter White, dem nach einem Zusammenbruch Krebs diagnostiziert wird. Sein baldiges Ableben vor Augen, will Walter seinen behinderten Sohn und seine schwangere Frau zumindest finanziell absichern und macht sich mit einem kriminellen Ex-Schüler daran, das hochwertigste Methamphetamin in New Mexico herzustellen. Wie sich Walter White von Folge zu Folge immer weiter in sein Lügengespinst verstrickt und vom spießigen Kleinbürger zum skrupellosen Kriminellen wird, ist ganz große Schauspiel- und Drehbuchkunst.
„Das sollten Sie
sich ansehen …“