„Das sollten Sie

sich ansehen …“

 

EMPFEHLUNGEN


Wenn die Zeit von einem Haderer zum nächsten zu lange wird: hier ein paar Werke, die mich in jüngster Zeit begeistert haben.





WINSHLUSS: „PINOCCHIO“


Nicht in Reichweite von Kindern aufbewahren! Der Warnhinweis auf diversen Haushaltsgiften gehörte auch auf „Pinocchio“ des französischen Künstlers Winshluss (alias Vincent Paronnaud), der den Klassiker von Carlo Collodi zu einem apokalyptischen Gruselmärchen in Form einer großartigen graphic novel gewandelt hat.


Gepetto tritt in Gestalt eines geldgeilen Ingenieurs auf, der einen Kampfroboter erfindet und diesen dem Militär verkaufen will. Allerdings hat die alkoholsüchtige und dauergeile Gattin des Technikers andere Ideen für das blecherne Kerlchen und setzt sich zur eigenen Befriedigung auf dessen Nase – unwissend, dass ihr Mann dort den Flammenwerfer eingebaut hat. Wuff, geht die Frau in Flammen auf und Pinocchio auf unfreiwillige Wanderschaft. Von einer Spielzeugfabrik, in der Kinder ausgebeutet werden, bis zum Horrortrip auf einer faschistoiden Zauberinsel schlittert der so unschuldige wie moralfreie von einem verrückten Abenteuer ins nächste, inklusive Verschlingung durch ein Seeungeheuer, das erst durch den Verzehr von nuklearem Abfall zu

einem solchen wurde. Nicht zu vergessen die perversen sieben Zwerge, die das komatöse Schneewittchen in einem Glassarg konservieren und sich in Massenvergewaltigungsorgien an ihr vergehen.


Neben der Hauptgeschichte, die dank der virtuosen Bildgestaltung fast ohne Worte auskommt, tritt zwischendurch immer wieder ein Erzähler auf, der buchstäblich in Pinocchios Kopf wohnt: Jiminy Wanze hat sich die Blechkugel als mietfreies Quartier mit Gratis-Strom ausgesucht und versucht dort oben, ein Buch zu schreiben. Da es ihm jedoch nicht gelingt,  seine Verzweiflung und seinen Weltschmerz in Worte zu fassen, ergeht er sich in ausufernden Trink- und TV-Exzessen mit seinem Wanzenkumpel und bringt im Suff die Schaltkreise des Maschinenjungen durcheinander – mit verheerenden Folgen, versteht sich.


In Winshluss Pinocchio-Fassung wird jedes Element des ursprünglichen Stoffs entblößt, entheiligt, pervertiert und damit unangenehm aktuell: Sex, Drogen, Gewalt, Blasphemie, Faschismus, religiöser Wahn, Umweltkatastrophen … die Welt, durch die der Maschinen-Junge stolpert, steht am Abgrund und er ihr verständnislos gegenüber. Gleichwohl ist dieses Buch so wunderschön und einfühlsam gezeichnet, dass einem die Liebe des Autors zu seinem Stoff doch einen Ausweg deutet.



„Die verschachtelte Erzähltechnik, die je nach Plotstrang und Technik in punkto Stil und verwendetem Zeichenstil enorm varierende Gestaltung, die ganzseitigen Einschübe - all das hat man, gepaart mit dem anarchistischen Witz, dergestalt noch nie im Medium gesehen. Wegweisend.“ (Comic-Check)




FERDINAND VON SCHIRACH: „VERBRECHEN“


Warum greift der liebenswerte alte Mann, der sein ganzes Leben unbescholten war, seiner Frau ein fürsorglicher und treuer Gatte, seinen Mitmenschen ein einfühlsamer Arzt war, an diesem einen Tag zur Axt und zerstückelt seine Frau? Warum flößt die hochintelligente junge Frau ihrem geliebten Bruder Barbiturate ein und ertränkt ihn in der Badewanne? Warum kann ein deutscher Kleinkrimineller und Assozialer erst im äthiopischen Hochland zum wahren Glück finden? Warum, warum, warum … der ewigen Frage nach den Beweggründen von Verbrechen stellt Ferdinand von Schirach in seinem ersten Buch keine wissenschaftlichen Modelle oder Erklärversuche entgegen. Er erzählt einfach: Geschichten aus seinem Leben als Strafverteidiger und Anwalt. Und er hält sich dabei ganz souverän an die Schopenhauersche Maxime, wonach der Schriftsteller Ungewöhnliches mit gewöhnlichen Worten erzählen soll.


Genau deswegen sind die Geschichten aus „Verbrechen“ auch so ergreifend: Weil hier nicht herumgekünstelt wird, weil Schirach so schreibt, wie er es einem abends am Kaminfeuer erzählen könnte. Mit Auslassungen, die dem Leser Platz für die eigene Interpretation geben, mit dem Akzent auf scheinbaren Details, die dem jeweiligen Fall den ganz eigenen Ton und Charakter geben. Mit einer unaufgeregten und knappen Schreibe, so souverän, dass man nicht anders kann, als jeden Satz zu glauben. Und mit einem Maß an Mitgefühl und Menschenliebe, das den Autor davor bewahrt, zu urteilen oder Partei zu ergreifen. Schirachs Erzählungen über Eifersucht, Gier, Verzweiflung und Leidenschaft sind unglaublich dichte Kunstwerke, aus denen Hollywood jeweils einen bombastischen Blockbuster stricken würde. Und die große Kunst von Schirach besteht eben darin, dem Leser diese Aufgabe zu überlassen.

„Ein wunderbares Debüt, fesselnd von der ersten Seite an und ohne jeden falschen Ton.“

(Johanna Adorján, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)




EUDORA WELTLY: „EIN VORHANG AUS GRÜN“


Was die Erzählkunst des oben erwähnten Ferdinand von Schirach ausmacht, beherrschte auch die großartige Schriftstellerin Eudora Welty, deren Geschichten aus den Südtstaaten der USA jetzt wiederentdeckt wurden.

Die Helden in Weltlys Geschichten sind zumeist Außenseiter – ein Negerjunge, der mit viel Make-Up als „Keela, das ausgestoßene Indianermädchen“ auf dem Jahrmarkt dem sensationshungrigen Publikum vorgeführt wird; ein taubstummes Paar, das in einer Bushaltestelle und wahrscheinlich schon sein ganzes Leben nur wartet; die Frauen in einem Frisörsalon in Mississippi, die sich mangels eigener Erlebnisse Geschichten zuspielen, an die sich selbst die Betroffenen kaum noch erinnern.


Diese Geschichten tragen alle einen melancholischen Grundton in sich, oft scheinen sie locker erzählt, doch haben sie in den Dialogen und dichten Bildern eine Beobachtungsschärfe, die aus scheinbar kleinen Erlebnissen ein Porträt macht, in dem sich die ganze Tragik eines menschlichen Lebens findet. Über Sehnsüchte, Träume, Ängste wird hier nicht gesprochen, doch der Leser fühlt sie genau in dem Leerraum des Nicht-Gesagten. Und bevor jemand auf den Gedanken kommen könnte, dass Weltlys Geschichten deprimierend sind: im Gegenteil. Sie sind eine wunderbare Möglichkeit zur Selbstfindung, sie geben Hoffnung und sind zudem oft sehr sehr witzig.




JOSH BAZELL: „SCHNELLER ALS DER TOD“


Man verzeihe mir den Kalauer „medi-zynisch“. Doch wenn ein ehemaliger Mafiakiller sich im Zeugenschutzprogramm zum Arzt ausbilden lässt und seine brutale Vergangenheit am neuen Arbeitsplatz mit dem hippokratischen Eid kollidiert, geht es eben nicht so steril und hausbacken wie in Greys Anatomy zu.

Pietro Brwna ist besagter Mediziner und steigt gleich einmal furios ins Geschehen ein, indem er auf dem Nachhauseweg einem Straßenräuber professionell den Arm zerbricht und ihn danach comme il faut erstversorgt, schultert und in die Notaufnahme bringt.


In diesem Ton geht es weiter: Brwna berichtet über seinen Einstieg ins Killergeschäft, nachdem er die Mörder seiner Großeltern hingerichtet hatte. Er erzählt von deren vermeintlicher KZ-Vergangenheit, die sich womöglich gar nicht so zugetragen hat. Er beschreibt abgeklärt die Zustände an seinem Arbeitsplatz, wo sich lettische Hilfspfleger schnell verkrümeln, wenn es darum geht, Verantwortung für fremdes Leben zu übernehmen. Und er wird so unerwartet wie skurril mit seiner Vergangenheit konfrontiert, als plötzlich ein spießiger und krebskranker Mafioso auf seiner Station liegt.


John Bazells Debütroman ist brutal, unglaublich komisch, ein spannender Thriller und Anfänger-Crash-Kurs in Allgemeinmedizin zugleich. Eben ein "furioser Kracher" wie Tobias Gohlis, der Krimiexperte der Zeit, dieses Buch nennt. Und hoffentlich hat Gohlis Unrecht mit seinen Zweifeln, ob man "so etwas Wahnwitziges, überschäumend Intelligentes, irrsinnig Komisches über das Ende eines Mafiakillers und das amerikanische Krankenhaussystem je wieder lesen wird?"




CHRISTIAN MAINTZ (HERAUSGEBER): „KOMISCHE LIEBESGEDICHTE“


Wunderbar zum Selberlesen und wunderbar zum Weiterschenken: Der kleine Gedichtband mit komischen Liebesgedichten aus der Feder berühmter wie kaum bekannter Autoren ist ein schönes Kleinod, aus dem man zwischendrin immer wieder Vergnügen und einen Einblick in die reiche Tradition komischer Lyrik deutscher Sprache gewinnen kann.


Aus dem zeitgenössischen Schaffen etwa Eckhard Henscheids schön versautes Poem "Charlottens Brief": " …Spitz die Wetzlarer Karotte/Wartet Dein - mmmh Bussi!/Lotte! …"

Oder der begnadete Joachim Ringelnatz: „Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn. Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehen? …“

Der Klassiker über das Liebesleben der Tiere von F.K. Waechter: „Die Gams erwacht im fremden Forst und lag in einem Adlerhorst. Sie sah sich um und sprach betroffen: „Mein lieber Schwan! War ich besoffen!“ 

Dann fragt Klaus Cäsar Zehrer unter anderem: „Was von diesen zwei ist schöner:/Die Liebe oder Chicken Döner?"

Dann trifft man auf Kurt Schwitters vergleichsweise zärtliche Zeilen: "Meine süße Puppe/Mir ist alles schnuppe/Wenn ich meine Schnauze/Auf die Deine bautze."

Und so weiter und so schön – Frühlingsliteratur at its best!