LESEPROBE „Ohnmachtspiele“
Prolog
September 1980
„Was sollen wir jetzt machen … ich meine, wenn …“ Der Junge hielt inne, weil seine Stimme brach und in einen mädchenhaften Ton zu kippen drohte. Er kannte das. Es passierte immer, wenn er aufgeregt war oder Angst hatte. Wie jetzt. Und er wollte nicht, dass sich Florian darüber lustig machte. Nicht jetzt. Also schwieg er, warf einen Stein in die Mitte des dunklen Teichs und sah zu, wie sich das Wasser wellte. Gelbe, rote und gelbrote Ahornblätter trieben auf der Oberfläche, würden bald dunkelbraun werden, sich vollsaugen, auf den Grund sinken und verwesen. Der Sommer war fast vorbei. Der Sommer, der – wenn es nach ihm ging – irgendwann später zu einem aus unzähligen „Weißt du noch“ hätte werden können. Der vor zwei Wochen, bevor sie es erfahren hatten, nur aus ewig scheinender Gegenwart bestanden hatte: aus dem Chlorgeruch des Schwimmbads, der ihrer Haut und ihren Haaren anhaftete, aus dem leicht modrigen Aroma, das den Männermagazinen entströmte, die sie aus den Altpapiertonnen gefischt hatten, wegen denen sie immer einen Liegeplatz weitab des Schwimmbeckens hinter einer alten Pappel wählten, wo sie gierig und verstohlen auf die nackten Brüste und Schamhaare von jungen Frauen blickten, die Namen wie Kathy, Linda oder Brittany trugen, wo sie ihre erigierten Glieder ins Gras drückten und so unauffällig wie möglich hin und her rieben, bis sie mit einem verhaltenen Grunzen in den feuchten Stoff der Badehosen ejakulierten, dann betreten grinsten und gemeinsam eine Dames rauchten, die sie seinem Großvater geklaut hatten. Dann war da der heiße Asphalt unter den Füßen, der Geruch des in der Hitze aufweichenden Bitumens in ausgebesserten Schlaglöchern, in die sie ihre nackten Zehen drückten, davon die schwarzen Flecken, die mit normaler Seife nicht abzukriegen waren. Die schwarzen Kunststofffussel und der Benzingeruch, die sie an den Händen hatten, wenn ihnen einer der älteren Jungen aus der Nachbarschaft gegen ein paar Zigaretten erlaubt hatte, auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt nach Ladenschluss ein paar Runden mit seinem Moped zu fahren, das er öfter reparierte, als er damit ausfuhr. Die Abende, die aus der Zeit gefallen schienen, mit der flach einfallenden Sonne, die den Parkplatz wie mit einem Weichzeichner färbte. Und die Limonadendosen, die sie gierig leerten, um so laut wie möglich rülpsen zu können. Und die Mädchen aus der Schule. Mit denen er nicht das Geringste zu tun haben wollte, anders als Florian, dessen Bemerkungen über sie abfällig in der Bedeutung und leidenschaftlich im Ton sein konnten, worauf er selbst immer wieder mit den gleichen Phrasen antwortete und hoffte, dass das Thema bald erledigt wäre. Schließlich hatten sie beide doch viel mehr, als Florian von einem dieser fremden Wesen je bekommen könnte. Würden sie mit ihm eine Semmel, die sie aus dem Schwimmbad mitgenommen hatten, am Rand des Teichs auslegen und auf Enten oder Tauben warten, um sie mit ihren Steinschleudern zu erledigen? Oder der Hund, den sie mehr oder weniger versehentlich getötet hatten, mit der Wehrmachtspistole des Großvaters, die sie an einem schulfreien Tag auf dem Dachboden gefunden hatten; das hatte sie zusammengeschweißt, das Schweigen, da hatten sie ein Geheimnis gewonnen, aus dem gemeinsamen Entsetzen, als sie dem Tier beim Sterben zusahen, und wie dann jeder für sich nach Hause gelaufen war – als sie am nächsten Tag darüber sprachen, wandelte sich das schlechte Gewissen bald in eine schaurige Erregtheit. Und beim zweiten Tier mischte sich unter die Übelkeit, die ihn einmal sogar zwang, sein Erbrochenes zu schlucken, bald ein Gefühl, das er nicht benennen konnte, anfangs beängstigend, als ob er seinen Körper verlieren würde, dann berauschend, weil er tatsächlich über sich hinauswuchs, als dem Hund der Atem hektisch wurde und ausging, als mit dem letzten schwachen Winseln das Leben in seinen Augen starb, er sah seinen Freund an und wusste, dass der das Gleiche empfand, hast du auch einen Ständer bekommen, hatte Florian ihn danach gefragt und er bejahte, obwohl er es nicht einmal mehr wusste, es war auch egal, es war etwas viel Größeres gewesen und in diesem Augenblick überfiel ihn eine schmerzhafte Zuneigung zu seinem Freund, für die er keinen Ausdruck fand, er suchte nach Worten, wenn auch nur für sich, und als er sie nicht fand, wurde er unendlich traurig, aber es war eine schöne Trauer, alles war schön, wenn er es nur mit Florian teilen konnte. Dann war die Welt in Ordnung.
„Weiß ich doch nicht … was können wir schon groß tun.“ Florian wandte sein Gesicht ab, spuckte in den betonierten Zulauf, in dem sich ein Rinnsal mühsam durch die abgefallenen Blätter kämpfte.
„Wir könnten abhauen“, meinte sein Freund unsicher und für einen Moment hellte sich seine Miene auf, als hätte er die Lösung aller Probleme gefunden.
„Bist du schwul oder wie … abhauen kann man mit seiner Freundin oder allein. Vergiss es.“
„Aber …“
Wieder schwiegen sie für einige Minuten. Auf dem Spazierweg hinter ihnen machte sich eine Kindergartengruppe vom Spielplatz am anderen Ende des Parks auf den Weg nach Hause, ihr vielstimmiges Geschrei zu einer schwarmhaften Geräuschwolke vermengt. Kurz drehten sie sich beide um, betrachteten die kreischenden Zwerge, die beiden Kindergärtnerinnen, die ihre Schützlinge wie eine Schar Gänse zum Ausgang des Parks leiteten. Oh heile Welt. Sie wandten ihre Gesichter wieder dem Teich zu, wo ein Entenpaar vorbeischwamm und die Schnäbel wiederholt zwischen die treibenden Blätter tauchte. Florian hob seinen Arm, bildete mit Daumen und zwei Fingern eine Pistole nach, kniff ein Auge zu und zielte auf die Enten.
„Bamm, tot“, flüsterte er und ließ den Arm wieder sinken.
„Haben deine Eltern gesagt, wie lang ihr dortbleiben werdet?“, fragte sein Freund, bemüht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.
„Zwei, drei Jahre … das wissen sie ja selber nicht genau … wie immer …“ Er griff neben sich, nahm einen faustgroßen Stein und schleuderte ihn ins Wasser hinaus. „Blöde Schweine … aber mir wird schon was einfallen.“
Was?, wollte sein Freund wissen, doch die Frage blieb ihm im Hals stecken, was sollte ihm denn einfallen? Doch er musste ihm vertrauen, vielleicht gäbe es wirklich eine Lösung, die sich er, der Jüngere, nicht ausmalen konnte, weil er nicht fähig war, sich eine Vorstellung von der Zukunft zu machen, da waren nur die nächsten Wochen, die Schule, kein Florian, ein trüber Nebel, durch den er sich angstvoll tasten musste, außer seinem Großvater hatte er jetzt niemanden mehr. Jetzt sah Florian auf seine Armbanduhr, die sein dünnes Handgelenk umgab wie eine schwere klobige Handschelle. Firmungsgeschenk, sicher ein paar tausend Schilling wert, einmal hatten sie sogar überlegt, sie zu verkaufen. An Geld hatte es ihnen ja nie gefehlt. Das hatte Florian zur Genüge von seinen Eltern bekommen und ohne mit der Wimper zu zucken für sie beide ausgegeben. Aber das Geld würde ihm nicht abgehen.
„Ich muss dann langsam …“
„Ja“, antwortete der andere leise.
„Bleibst du noch?“, fragte Florian und stemmte sich in die Hocke.
„Ja.“
„Na dann …“, meinte der Ältere und stand auf.
„Lass mal was hören von dir“, sagte der Jüngere und versuchte ein Lächeln.
„Sicher“, erwiderte sein Freund, zögerte kurz, drehte sich um und ging.
Der Junge ließ ein paar Sekunden verstreichen und wandte ruckartig seinen Kopf nach hinten. Dann legte er sich auf den Rücken, schaute in den Himmel und krallte die Finger in den steinigen Boden.
© Georg Haderer